Wife & Whore

Versaut, abgestumpft und so unglaublich verdorben. So viel wird über Sex gesprochen, ständig sind wir damit konfrontiert. Sex sells! Wenn ich jemandem erzähle, dass ich im Bereich der Sexualpädagogik meine Zukunft sehe, entstehen in vielen Menschen (vorrangig bei Männern) sexuell angehauchte Bilder. Die Lehrerin mit dem Rohrstock, die dem bösen Jungen eine Lektion erteilt, weil er ihr nicht hörig ist. Wenn man sich als Frau mit Sexualität beschäftigt, wird man automatisch in eine Schublade gesteckt. Manche Männer sind eingeschüchtert, andere wollen ihr Können sofort unter Beweis stellen und wieder andere wollen über ihre sexuellen Probleme reden. Ganz ehrlich: Es ist nicht einfach und es macht auch nicht immer Spaß! Aber es ist nun einmal ein Bereich, der mich sehr interessiert und in dem es immer noch unglaublich viele Themen gibt, die man auch thematisieren muss. Lieber führe ich mit jemandem eine Debatte über Problembereiche der Sexualität, als mir anzuhören, wie viele Frauen ein Typ an einem Wochenende flachgelegt hat und wie oft er zusätzlich masturbiert. Ja, solche Dinge kommen vor.

Unsere Gesellschaft ist überpornografisiert. Sex ist Macht und Gier. Jeder will es, am liebsten sofort und ohne Komplikationen. Geiles Pornoficken mit männlichem Ejakulat auf dem weiblichen, empfangenden Körper. Das allzeit bereite lüsterne Weib mit weit aufgerissenem Mund. Die Frau als passive Rolle in der Sexualität. Verdorben und gleichzeitig heilig. Rein soll sie sein, fast jungfräulich und unschuldig. Aber im selben Atemzug muss sie wissen, was sie zu tun hat, um einen Mann „bei der Stange“ zu halten. Engel und Hure. In der Geschlechterforschung auch „good woman (wife)“ und „bad woman (whore)“ genannt. Ein sozial konstruiertes Bild von der guten Ehefrau und der Männerfresserin. Miteinander kaum kompatibel. Nicht mal in einem Pornofilm.

Ständig sind wir dieser Überreizung ausgesetzt, messen unsere Sexualität an der Statistik der anderen. Wie oft in der Woche sollte ein Paar Sex haben? Wie viele Sexualpartner sollte man ausprobieren? Welche Nationalitäten versprechen gute LiebhaberInnen, welche schlechte? Wo ist der scheiß G-Punkt? Es ist schön zu wissen, dass es auch Menschen gibt, die die ursprüngliche Sexualität noch zu erfassen versuchen. Für Sex braucht man Zeit und die nötige Reife. Eine Freundin meinte letztens zu mir: „Ich denke, ich habe zu jung angefangen, mich dann richtig ausgelebt und jetzt will ich das alles so nicht mehr.“ Ein Freund von mir sagte vor kurzem etwas ähnliches. Er fühlte sich abgestumpft und ausgelaugt. Zu viel emotionsloser Pornosex. Hat er jetzt auch keine Lust mehr dazu.

Mit dem Alter verändern sich meistens die Wahrnehmung und auch die Qualität von Sexualität. Vorausgesetzt, man ist fähig zur Reflexion und Entwicklung. Die Frage ist dabei auch, ab wann findet Sexualität statt? Sex ist für die meisten der Zeitpunkt, bei dem man anfängt, die Schamgegend eines anderen Menschen mit offensichtlicher Absicht zu erregen. Für manche ist es auch erst der Zeitpunkt einer Penetration. Wieder andere sehen Küssen oder sogar Flirten als sexuelle Aktivität. Viele Frauen zählen Männer nur zu ihren Sexualpartnern, wenn sich der koitale Akt vollzogen hat. Einige Männer wiederum zählen fast alles. Deswegen haben die auch im Durchschnitt immer mehr Sexualpartner. Wieder ein Beweis dafür, wie schlecht man einer Statistik trauen kann. Ist nämlich immer Definitionssache. Wir alle bauen mit der Zeit eine sexuelle Identität auf. Diese verändert sich im Laufe des Lebens durch unsere Erfahrungen. Setzt man sich damit auseinander, kann man Stück für Stück herausfinden, was einem gefällt und diese Bedürfnisse auch kommunizieren.

Wenn man wirklich Spaß daran hat, wie in einem Porno zu ficken, dann ist das auch okay. Genauso, wie es in Ordnung ist, SM zu praktizieren oder sich der tantrischen Sexualität zu öffnen. Aber durch die Entwicklung der eigenen Sexualität ist man nun auch nicht mehr mit jedem Menschen sexuell kompatibel. Sex wird damit individuell und unterschiedlich. Jetzt stehen wir also nicht mehr nur vor der Herausforderung, einen Partner fürs Leben zu finden, sondern wir müssen auch jemanden finden, der ähnliche sexuelle Bedürfnisse hat. Und wie finden wir das heraus? Wir müssen darüber kommunizieren. Wir müssen wissen, was wir uns von Sex erwarten und was wir bereit sind zu geben. Eine Frau, die gerne Fesselspielchen spielt, wird irgendwann frustriert sein, wenn sie eine Ehe mit einem sexuell anders gestimmten Mann führt, der es gerne einfach und altmodisch hat. Vor kurzem habe ich einen Artikel über ebendiese Situation gelesen. Als die Frau ihren Partner mit ihren Bedürfnissen konfrontierte, hatte sie das Glück, dass er ihre Wünsche mit ihr teilt. Damit konnte eine Ehe mehr gerettet werden.

Egal, was man uns über Sex erzählen will, nur jeder/jede für sich kann herausfinden, was er/sie sich wünscht. Pornos können manche in ihrer Sexualität bereichern und inspirieren, während andere (vorrangig jüngere Menschen) ein verfälschtes Bild bekommen können. Wir müssen unsere Kinder vor dieser Überreizung schützen, damit sie eines Tages ihre eigene sexuelle Identität entwickeln können. Ich meine damit jedoch nicht, dass die „Big Lie“ (wissenschaftliche Bezeichnung der Asexualisierung von Kindheit durch Verbote und Tabuisierung) weitergeführt werden soll, sondern dass wir auch mit unseren Kindern über Sexualität kommunizieren müssen. Und nichts anderes machen Sexualpädagogen.