„Ist Liebe über das Internet real oder nur deswegen so schön, weil unsere Sehnsucht reinpfuscht?“ Das habe ich kürzlich auf Twitter gefragt. Die moderne Art, neue Leute kennenzulernen, hat auch eine neue Art von Romantik und Beziehungen geboren. Nie zuvor konnte man so viele interessante Menschen so einfach „treffen“. Ein Klick und eine Nachricht erreicht innerhalb von Sekunden das andere Ende der Welt. Und umsonst telefonieren oder SMS schreiben ist auch kein Thema mehr. Skype und Whatsapp sei Dank. Kilometer lange E-Mails, die trennende Kilometer überwinden. Wunderbar geschriebene Worte, oft sogar voller Aufrichtigkeit und Gefühl. Aber ist das auch real?
Vor kurzem habe ich einen Artikel gelesen, in dem eine junge Frau beschreibt, wie sie ihren Partner über das Internet kennenlernte. Nun werden sie bald zusammenziehen. In ein Häuschen am See. „Getroffen“ haben sie sich nicht auf einer klassischen Singleplattform. Diese sind, meiner Meinung nach, sowieso nur Bullshit, wenn man nach echter Liebe sucht. Was hat sich verändert? Man lernt schneller den Charakter eines Menschen kennen. Zumindest, wenn man eine bestimmte Zeit lang schreibt. Träume und Sehnsüchte werden geteilt und man „spricht“ meist viel offener und ehrlicher über seine Gefühle. Bleibt das gegenseitige Interesse über einen längeren Zeitraum auch bestehen, wird man sich höchstwahrscheinlich eines Tages treffen. Und hier beginnt das Problem: Kann man noch immer so sein, wie man vor seinem Computer war, wenn die Person, der man all diese Worte mitgeteilt hat, real wird?
Ich kenne Geschichten, die voller Gefühl und Romantik über das Internet funktioniert haben. Aber sobald man sich dann auch tatsächlich getroffen hat, zog der ein oder andere den Schwanz ein. Das passiert im Real Life natürlich auch. Nur wesentlich schneller. Hier ist der Verlust weniger groß, weil man manchmal gar nicht mehr die Chance hat, einen Menschen richtig kennenzulernen. Die Begegnung in echt erspart uns so vielleicht mehr Kummer und Trauer, als wenn man davor monatelang alles miteinander geteilt hat. Ein Mensch, den man liebgewonnen hat, ist dann von einem auf den anderen Tag einfach weg. Andererseits durften wir Romantik erleben. Schon Shakespeare oder Goethe wussten um die Schönheit geschriebener Worte. Funktioniert die umgekehrte Form des Kennenlernens nun besser oder schlechter?
Ein Mann hat mir auf meine Twitternachricht geantwortet, dass er seine jetzige Lebensgefährtin über das Internet kennengelernt hat. Das war vor zehn Jahren und dieses Jahr feiern sie den sechsten Geburtstag ihres gemeinsamen Kindes. Und eine Freundin erzählte mir von einem Typen, der zwar äußerlich kein absoluter Hingucker war, aber die Damen, die er über das Internet kennenlernte, so sehr mit seinem Charme und Witz für sich gewinnen konnte, dass sie sich dennoch immer wieder in ihn verliebten. Auch im Real Life. Zwar heißt es, dass die Chemie zwischen zwei Menschen passen muss, damit sie sich verlieben. Aber kann es nicht auch sein, dass man ebenso eine geistige Chemie zueinander haben sollte? Denn wenn nur die körperliche Chemie stimmt, ist das noch lange kein Garant für eine erfüllende Beziehung. Für gemeinsamen Nachwuchs vielleicht, aber wenn ich mit einem Mann nicht intellektuell auf einer Ebene bin, möchte ich nicht den Rest meines Lebens mit ihm verbringen.
Noch immer sind viele Leute skeptisch, wenn sie Menschen über das Internet kennenlernen. Das Argument ist meistens, dass sich im Web ja so viele Verrückte tummeln und man nie weiß, wen man tatsächlich vor sich hat. Aber so genau wissen wir das auch nicht immer bei Menschen, die uns direkt gegenüber sitzen. Wie oft hat man sich schon in Menschen getäuscht, die man gleich face to face getroffen hat? Und wer sich immer sofort mit jedem Deppen aus dem Internet trifft, ist wirklich selbst schuld. Ich treffe mich ja auch so nicht mit jedem dahergelaufenen Typen von der Straße. Und auch beim gemeinsamen Schreiben kann man mit Hilfe der Menschenkenntnis erkennen, ob man jemanden nun mag oder nicht. Vor allem, wenn es über einen längeren Zeitraum geht.
Das Körperliche fällt also zunächst einmal weg und das hat seine Vor- und Nachteile. Denn natürlich kann es passieren, dass man jemanden, den man beim Schreiben geliebt hat, in echt nicht riechen kann. Aber ich denke nicht, dass das sehr oft passiert. Vielleicht hängen der geistige Austausch und die körperliche Chemie enger miteinander zusammen, als wir denken? Vielleicht entwickelt sich die körperliche Chemie aufgrund des geistigen Austausches erst? Und glaubt man der Energielehre, so zieht man immer genau das an, was gerade zu einem passt. Egal, wie weit entfernt man voneinander ist.
Zum Schluss eine kurze Geschichte von zwei Freundinnen: Diese zwei Damen haben ungefähr zur selben Zeit interessante Männer kennengelernt. Die eine fand den ihren zufällig über das Internet, die andere traf ihn beim Ausgehen. Beide erlebten zunächst wunderbar romantische Geschichten und beide verliebten sich. Und dennoch hat keine von den beiden Liebesgeschichten ein Happy End. Denn sowohl der Internettyp, als auch der „echte“ Typ zogen den Schwanz ein, als es ernst wurde. Heute wissen die beiden Damen, dass es nicht an der Art und Weise ihres Kennenlernens gelegen hat, sondern dass beide Männer einfach nicht die richtigen für sie waren. Beide Männer haben Dinge gesagt und versprochen, die sie nicht halten konnten. Und es ist vollkommen egal, ob es der eine über lange E-Mails und der andere face to face gemacht hat. Es liegt immer am Charakter einer Person. Wer nicht weiß, was er will, wird immer für Verwirrung und Gefühlschaos sorgen und derjenige, der weiß, was er will, bekommt es auch. Und dabei scheint es irrelevant zu sein, ob man denjenigen über das Internet oder gleich im Real Life getroffen hat.