Warum stehen Frauen auf Arschlöcher? Diese Frage beschäftigt offensichtlich recht viele Männer, denn ich höre sie immer wieder. Und ganz ehrlich? Wir Frauen fragen uns das auch des Öfteren. Es ist ein seltsames Phänomen, denn im Grunde wollen wir einen von den Guten. Vor kurzem sprach ich mit einer Freundin darüber, dass Erfahrungen sich in unseren Genen einpflanzen. Sie sind zwar veränderbar, aber wenn ich etwas verinnerlicht habe und nicht dazu bereit bin, es zu verändern, gebe ich diese Informationen an meine Kinder weiter. Sie beendete dieses Gespräch mit dem Satz: „Und doch sind meine Eltern an allem schuld!“ Also habe ich mal darüber nachgedacht.
Über Jahrhunderte hinweg wurden Frauen immer als „niedrigere Wesen“ von Männern behandelt. Nicht in allen Kulturen. Es gibt durchaus Gemeinschaften, in denen die Frau gefeiert und geehrt wird. Aber im Grunde kann man sagen, dass auf dieser Welt Frauen viel mehr Verachtung und Erniedrigung entgegengebracht wird als Männern. In Kairo ist es noch immer nicht gerne gesehen, wenn eine Frau eine Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung anzeigt und in den meisten muslimischen Ländern werden junge Mädchen noch immer beschnitten, obwohl es gegen das Gesetz ist. In vielen ländlichen Gebieten sind Frauen Hausfrauen und Mütter, während die Männer „die harte Arbeit“ verrichten. Das alles sind Muster, die sich über viele Generationen hinweg eingeprägt haben. Damit wurden diese Merkmale auch von Generation zu Generation weitergegeben.
Ich brauche nicht mal Jahrhunderte zurückgehen. Jahrzehnte reichen auch und eine Analyse meiner Familiengeschichte, um zu sehen, welche Muster weitergegeben wurden. Immer wieder gab und gibt es Frauen, die sich gegen konventionelle Rollenmuster auflehnen, aber es ist eine schwere Arbeit. Dennoch haben Frauen in den letzten Jahren sehr große Fortschritte gemacht, während man bei manchen Männern das Gefühl hat, sie seien in „einem Vakuum stehen geblieben“. Der Satz stammt von einem Freund von mir und ich finde ihn ganz toll. Aber auch die Männer müssen sich alte Rollenmuster ansehen und bearbeiten. Noch immer gibt es genug, die sich gerne eine schwache, nicht sonderlich intelligente Frau suchen, die zu ihnen hinauf sieht. Männliches Ego und so. Ist ein Muster, das den Männern in ihren Genen weitergegeben wurde.
Jetzt haben wir aber ein Problem: Die moderne Frau arbeitet wie eine Besessene daran, sich selbst neu zu erfinden und einzugliedern. Die Entwicklung ist rasant. Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir nicht wählen oder studieren durften. Und in vielen Ländern ist es noch immer traurige Realität. Aber mit der Entwicklung der Frau und der etwas rückständigen Entwicklung vieler Männer, verlieren sich die Geschlechter zunehmend. Der emanzipierte Mann formt sich erst, da ist die emanzipierte Frau bereits auf der Überholspur. Damit entsteht jedoch ein Ungleichgewicht. „Frauen werden zu Konkurrentinnen der Männer“, sagte neulich eine andere Freundin zu mir. Und dennoch blieb etwas in unseren Genen erhalten, an dem wir noch immer so akribisch arbeiten und es nicht verstehen.
Das Arschloch: „Ein Player bleibt ein Player, egal wie die Frau ist“ musste ich neulich auf meiner Twitterwall lesen. Was ist an ihnen so anziehend? Vielleicht verkörpern sie eine ursprüngliche Form des Mannes? Möglicherweise sind wir in dieser Entwicklung noch nicht so weit wie in anderen Bereichen? Der Mann, der eine Frau erniedrigt, ist fest in unseren Genen verankert und es würde viel Arbeit bedeuten, das wieder aufzulösen. Sexuelle Phantasien über Männer, die Frauen beherrschen sind weit verbreitet und immer noch suchen viele Vergewaltigungsopfer die Schuld oft bei sich selbst. Welch tiefe Prägung haben wir hier noch zu überwinden! Frau durfte nicht voll und ganz Frau sein und sie kann es noch immer nicht richtig. Die Rucksäcke unserer Vergangenheit sind schwer. Die neue Generation ist stark, aber sie hat es nicht leicht, wenn unsere männlichen Artgenossen nicht mithelfen.
Das Bewusstsein darüber ist der erste Schritt nach vorne. Wenn wir unsere Gene verändern können, dann sollten wir das auch schleunigst tun. Nicht nur, um Frauen in der Politik oder in Führungspositionen zu haben, sondern auch, um unsere eigenen Beziehungen und unsere eigene Sexualität zu genießen. Vielleicht ist das Arschloch eine Rechtfertigung für ein noch immer viel zu tabuisiertes Thema? Schmutziger Sex mit einem Arschloch lässt uns die Verantwortung an sie abwälzen. Er ist ja so ein Arschloch, er hat mich hintergangen und erniedrigt. Aber vielleicht wollten wir hintergangen und erniedrigt werden, weil wir das so fest in uns verankert haben? Möglicherweise zieht uns ein Arschloch so sehr an, dass unser gesamtes verwirrtes biologisches System nach Fortpflanzung schreit. War ja über Jahrhunderte auch so.
Wir brüllen so laut nach Gleichberechtigung. Aber Gleichberechtigung ist es nicht, Männer selbst zu erniedrigen und wegzuwerfen. Gleichberechtigung ist, zu verstehen, dass jeder Mensch Mensch ist. Egal welches Geschlecht er besitzt. Und jeder Mensch braucht unterschiedlich lange für seine Entwicklung und wie sagt man so schön: jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu entwickeln. Es gibt kein schwaches oder starkes Geschlecht, sondern nur schwache und starke Menschen. Und diese Generation hat sehr viele starke Menschen, sie entwickeln sich nur unterschiedlich schnell.