Ich denke, es gibt zwei Grundtypen von Menschen. Ich wähle für diese Geschichte ein sehr elegantes Tier als Metapher: das Pferd. Wir haben Stall- und Wildpferde und ich frage mich oft, ob diese zwei komplett verschiedenen Typen überhaupt zueinander passen? Meiner Erfahrung nach ist es sehr schwer, diese Lebensphilosophien miteinander zu verknüpfen. Aber lasst es mich etwas genauer erklären:
Fangen wir mit den Stallpferden an. Hier haben wir sowohl Stuten als auch Hengste im Sortiment – eh klar! Mischlinge und gezüchtete Pferde. Deckhengste und zugerittene Reitschulpferde. Außenseiter, Einzelgänger, Gruppentiere und ein paar Verhaltensauffällige. Manche Stuten sind nur dazu da, von den Deckhengsten gedeckt zu werden. Andere wiederum sind leicht zu trainieren. Wieder andere lernen nicht so gerne, hängen lieber einfach auf der Koppel rum und schnüffeln an Blumen. Manche Stuten werden neidisch beäugt, andere fast schon ausgelacht. Hin und wieder findet man unter ihnen ein gebrochenes Wildpferd, das sich seinem Schicksal ergeben hat. Sie alle haben aber eines gemeinsam, sie leben hinter Zäunen. Die meisten halten sich an die Regeln, die ihnen vorgegeben werden. Manch einer bricht aus, kommt aber in der großen weiten Welt nicht so gut zurecht. Die kommen dann entweder zurück oder sterben. Der ein oder andere schafft es vielleicht wirklich, draußen zu überleben. Die jedoch, die von Anfang an in diesen Begrenzungen leben und sich nicht fragen, was am Ende des Horizontes noch zu finden ist, haben ein sehr glückliches Leben. Sie freuen sich, gesattelt und gezügelt zu werden. Springen über Pfähle und Stangen und bekommen ab und zu ein Fohlen, das dann dasselbe Leben weiter lebt. Es stört sie nicht, immer ein und dasselbe zu erleben. Gewohnheit gibt viel Schutz und Geborgenheit.
Die Wildpferde ziehen immer mit dem Wind. Sie haben vielleicht zwei, drei Begleiter, mit denen sie gemeinsam galoppieren. Jedoch nicht zwangsweise für immer. Einem Wildpferd legt man keinen Sattel und schon gar kein Zaumzeug an. Es würde daran zugrunde gehen. Trifft eine wilde Stute einen wilden Hengst, reisen sie vielleicht eine bestimmte Zeit gemeinsam weiter. Beide verfolgen jedoch ihre eigenen Ziele. Und sollten sich ihre Wege irgendwann einmal trennen, ist das auch okay so. Ein Deckhengst wird eine wilde Stute niemals decken können, weil er nicht gelernt hat, ihre Gunst zu erwerben. Wofür auch, ihm wurde es im Stall immer einfach gemacht. Manchmal sind Wildpferde sehr alleine und sehnen sich nach Schutz, aber dann geht die Sonne auf und sie galoppieren freudig dem neuen Tag und den neuen Ereignissen entgegen. Denn nicht selten treffen sie ein anderes Wildpferd, welches sie weiter begleiten wird. Manche haben auch ihre kleine Familie, mit der sie gemeinsam bis ans Ende der Welt gehen. Sie bestehen aus kleineren Gruppen, die eine tiefe Zuneigung verbindet. Wenn die Wildpferde zufällig an einer Koppel vorbeikommen, müssen sie lächeln. Einerseits beneiden sie die Stallpferde um ihre Beständigkeit und Sicherheit, auf der anderen Seite wissen sie, was es alles in der großen weiten Welt gibt und dann haben sie Mitleid mit den Stallpferden. Und auch diese lächeln, wenn sie Wildpferde vorbeihuschen sehen. Einerseits tun sie ihnen leid, weil sie die Sicherheit des Stalls nicht genießen können, aber auf der anderen Seite beneiden sie die Wildpferde um ihre Freiheit und ihren Lebensmut.
Und, wie seht ihr das jetzt? Können ein Wildpferd und ein Stallpferd jemals ihr ganzes Leben lang glücklich miteinander sein?