Werden beste Freunde zum Partnerersatz?
In letzter Zeit denke ich viel über Freundschaften nach. Sie bekommen eine immer größere Bedeutung für uns. Partner werden wesentlich kritischer ausgewählt als noch vor 50 Jahren. Ökonomische Gründe fallen in den meisten Fällen weg. Heute gilt das Motto: „Warum soll ich meine Ansprüche herunterschrauben?“ Die Möglichkeit, unser Leben flexibel und unabhängig zu gestalten, hat das alte Muster von Beziehungen weitgehend abgelöst. Eine neue Form von Beziehungen entwickelt sich. In Zeiten, in denen sich viele gut überlegen, ob sie mit einer Person eine Beziehung wollen oder nicht, werden Freunde immer zentraler. So ganz nach dem Motto: „Partner kommen und gehen, aber Freunde bleiben fürs Leben“. Eigentlich stimmt dieser Satz nicht, aber darauf gehe ich später ein.
Ja, unser Lebensstil verändert sich immer weiter. Liebesbeziehungen werden als Hindernisse für die persönliche Entfaltung gesehen. Weil Liebe ja so anstrengend ist. Aber Freundschaften sind genauso Partnerschaften. Sie folgen möglicherweise nur anderen Richtlinien. Und warum denken wir bei einer Liebesbeziehung nur an die „einschränkenden“ Dinge? Monogamie…ach herrje! Was ist, wenn ich plötzlich mit jemand anderem ficken will? Heiraten? Wofür? Wir brauchen kein Papier, auf dem steht, dass wir zueinander gehören. Kinder bekommen? Um Gottes willen, in diese Welt soll ich Kinder setzen? All diese Sätze höre ich immer und immer wieder. ABER: Ich bin seit längerer Zeit single und die Zeiten, in denen ich plötzlich mit jemandem ficken will, sind rar geworden. Interessiert mich nicht mehr sonderlich. Heiraten finde ich schön, wenn es beide wollen. Denn immerhin sollte es darum gehen, die Liebe zwischen zwei Menschen zu feiern und nicht mehr darum, sich ökonomisch abzusichern. Und Kinder kriegen? Wenn ich einen Menschen habe, den ich von Herzen liebe, warum sollen wir dann nicht zusammen Kinder bekommen?
Bei den Schwangerschaften meiner Mutter haben sie auch schon gemeint, dass man doch keine Kinder in diese Welt setzen sollte. Und heute bin ich in meinen 20ern (genauer müssen wir da jetzt nicht darauf eingehen) und die Welt steht immer noch. Wovor haben wir Angst? Oder hat es nichts mit Angst zu tun? Immer wieder lese ich darüber, dass meine Generation überängstlich erzogen wird. Wirtschaftskrise, keine Arbeitsplätze, Weltuntergang… alles scheiße! Aber dennoch leben wir in einer der besten Zeiten, die es jemals gab. Kein Krieg (in unseren Breitengraden), keine Nachkriegszeit, kein Nahrungsmittelmangel, noch halbwegs funktionierendes Bildungs- und Krankenversicherungssystem, usw. Sind die Zeiten denn immer schlecht und war früher echt alles besser? NEIN! Wer hat uns denn diesen Blödsinn in den Kopf gesetzt?
Wohin ist die Romantik, wohin die Sinnlichkeit? Alles muss funktionieren und am besten sofort. Die Folgen sind u.a. Überqualifikationen, Burnouts, Einsamkeit … Und wo ist die Liebe? Wir projizieren sie in unsere Freundschaften. Ich habe einen ganzen Clan an Single-Ladies und meist treten sie zu zweit auf. Mit ihrer „besseren Hälfte“. Eigentlich sind das Partnerschaften, die wir da führen. Nur ohne Sex! Nach ein paar Bier sagte neulich eine Freundin zu mir: „Manchmal sehne ich mich halt nach Körperlichkeit und sexueller Zuwendung, dann kann ich ja mit einem Mann schlafen. Aber für alle anderen Bedürfnisse habe ich meine beste Freundin. Sie ist da, wenn ich sie brauche. Stundenlang kann ich meinen Kopf auf ihrem Schoß platzieren und sie streichelt mich, bis es mir wieder gut geht.“ Kein Wunder, dass weibliche Freundschaftspaare gerne als lesbische Pärchen wahrgenommen werden. Ist ja bekanntlich eine Lieblingsmännerfantasie, mit zwei Frauen zu schlafen (auch wenn ich hier jetzt unterstellen möchte, dass manche Männer sicher damit überfordert wären). Und durch fehlende Beziehungen wachsen Freundinnen mit der Zeit symbiotisch zusammen. Ich denke, dass es bei Männern ähnlich ist, nur vielleicht mit weniger körperlicher Zuwendung. Also zumindest nehme ich an, dass Frauen eher miteinander kuscheln als zwei heterosexuelle Männer?
Das interessante dabei ist, dass wir wieder in klassische Beziehungsmuster fallen. Die beste Freundin ist auch eifersüchtig, wenn man zu wenig Zeit für sie hat. Man kommuniziert jeden Tag miteinander und ficken, mit wem man Lust hat, ist auch nicht drin. Findet die beste Freundin nämlich nicht so toll. Wir gehen also lieber einen Exklusivvertrag mit einer Freundin ein, als eine Liebesbeziehung zu führen? Warum? Klischeebehaftete Vorstellungen vielleicht? Aber mache ich im Endeffekt mit einem Partner nicht genau dieselben Sachen, wie mit meiner besten Freundin (außer Sex)? Wir fahren gemeinsam auf Urlaub, schlafen in einem Bett (ohne Kissenschlacht und Petting) und haben keine Geheimnisse voreinander. Wir würden heiraten, wenn wir das könnten. Nur um im Alter nicht alleine zu sein. Und verpflichtet sind wir einander auch. Irgendwie schräg. Und woher kommt die Überzeugung, dass Freundschaften länger halten als Partnerschaften? Das stimmt doch nicht. Ich habe schon einige Freunde kommen und gehen gesehen. Manche Beziehungen hatten ein trauriges Ende und bei anderen passte es einfach nicht mehr und das war okay. Also: vollkommen ident!
Sobald sich eine von den beiden Freundinnen verliebt und eine Liebesbeziehung aufbaut, wird die symbiotische Freundschaft darunter leiden. Die Prioritäten verändern sich und die oberste Position wird neu vergeben. Natürlich muss die Freundschaft dabei nicht in die Brüche gehen und das sollte sie auch nicht. Aber dennoch wird die alte Beziehung damit ad acta gelegt. Denn jetzt gibt es den neuen Partner, der viele Bedürfnisse erfüllen kann und das auch tut. Wir bilden uns ein, dass Freundschaften besser sind, weil sie angeblich unverbindlicher und unkomplizierter sind, aber das ist nicht wahr. Offensichtlich sehnt sich der Mensch nach Bindung und das ist doch okay. Aber unverbindlich sind Freundschaften schon lange nicht mehr. Wie paradox ist es also, dass wir uns vor Liebesbeziehungen fürchten, unsere Freundschaften jedoch als eben solche gestalten?!
