Wife & Whore

Versaut, abgestumpft und so unglaublich verdorben. So viel wird über Sex gesprochen, ständig sind wir damit konfrontiert. Sex sells! Wenn ich jemandem erzähle, dass ich im Bereich der Sexualpädagogik meine Zukunft sehe, entstehen in vielen Menschen (vorrangig bei Männern) sexuell angehauchte Bilder. Die Lehrerin mit dem Rohrstock, die dem bösen Jungen eine Lektion erteilt, weil er ihr nicht hörig ist. Wenn man sich als Frau mit Sexualität beschäftigt, wird man automatisch in eine Schublade gesteckt. Manche Männer sind eingeschüchtert, andere wollen ihr Können sofort unter Beweis stellen und wieder andere wollen über ihre sexuellen Probleme reden. Ganz ehrlich: Es ist nicht einfach und es macht auch nicht immer Spaß! Aber es ist nun einmal ein Bereich, der mich sehr interessiert und in dem es immer noch unglaublich viele Themen gibt, die man auch thematisieren muss. Lieber führe ich mit jemandem eine Debatte über Problembereiche der Sexualität, als mir anzuhören, wie viele Frauen ein Typ an einem Wochenende flachgelegt hat und wie oft er zusätzlich masturbiert. Ja, solche Dinge kommen vor.

Unsere Gesellschaft ist überpornografisiert. Sex ist Macht und Gier. Jeder will es, am liebsten sofort und ohne Komplikationen. Geiles Pornoficken mit männlichem Ejakulat auf dem weiblichen, empfangenden Körper. Das allzeit bereite lüsterne Weib mit weit aufgerissenem Mund. Die Frau als passive Rolle in der Sexualität. Verdorben und gleichzeitig heilig. Rein soll sie sein, fast jungfräulich und unschuldig. Aber im selben Atemzug muss sie wissen, was sie zu tun hat, um einen Mann „bei der Stange“ zu halten. Engel und Hure. In der Geschlechterforschung auch „good woman (wife)“ und „bad woman (whore)“ genannt. Ein sozial konstruiertes Bild von der guten Ehefrau und der Männerfresserin. Miteinander kaum kompatibel. Nicht mal in einem Pornofilm.

Ständig sind wir dieser Überreizung ausgesetzt, messen unsere Sexualität an der Statistik der anderen. Wie oft in der Woche sollte ein Paar Sex haben? Wie viele Sexualpartner sollte man ausprobieren? Welche Nationalitäten versprechen gute LiebhaberInnen, welche schlechte? Wo ist der scheiß G-Punkt? Es ist schön zu wissen, dass es auch Menschen gibt, die die ursprüngliche Sexualität noch zu erfassen versuchen. Für Sex braucht man Zeit und die nötige Reife. Eine Freundin meinte letztens zu mir: „Ich denke, ich habe zu jung angefangen, mich dann richtig ausgelebt und jetzt will ich das alles so nicht mehr.“ Ein Freund von mir sagte vor kurzem etwas ähnliches. Er fühlte sich abgestumpft und ausgelaugt. Zu viel emotionsloser Pornosex. Hat er jetzt auch keine Lust mehr dazu.

Mit dem Alter verändern sich meistens die Wahrnehmung und auch die Qualität von Sexualität. Vorausgesetzt, man ist fähig zur Reflexion und Entwicklung. Die Frage ist dabei auch, ab wann findet Sexualität statt? Sex ist für die meisten der Zeitpunkt, bei dem man anfängt, die Schamgegend eines anderen Menschen mit offensichtlicher Absicht zu erregen. Für manche ist es auch erst der Zeitpunkt einer Penetration. Wieder andere sehen Küssen oder sogar Flirten als sexuelle Aktivität. Viele Frauen zählen Männer nur zu ihren Sexualpartnern, wenn sich der koitale Akt vollzogen hat. Einige Männer wiederum zählen fast alles. Deswegen haben die auch im Durchschnitt immer mehr Sexualpartner. Wieder ein Beweis dafür, wie schlecht man einer Statistik trauen kann. Ist nämlich immer Definitionssache. Wir alle bauen mit der Zeit eine sexuelle Identität auf. Diese verändert sich im Laufe des Lebens durch unsere Erfahrungen. Setzt man sich damit auseinander, kann man Stück für Stück herausfinden, was einem gefällt und diese Bedürfnisse auch kommunizieren.

Wenn man wirklich Spaß daran hat, wie in einem Porno zu ficken, dann ist das auch okay. Genauso, wie es in Ordnung ist, SM zu praktizieren oder sich der tantrischen Sexualität zu öffnen. Aber durch die Entwicklung der eigenen Sexualität ist man nun auch nicht mehr mit jedem Menschen sexuell kompatibel. Sex wird damit individuell und unterschiedlich. Jetzt stehen wir also nicht mehr nur vor der Herausforderung, einen Partner fürs Leben zu finden, sondern wir müssen auch jemanden finden, der ähnliche sexuelle Bedürfnisse hat. Und wie finden wir das heraus? Wir müssen darüber kommunizieren. Wir müssen wissen, was wir uns von Sex erwarten und was wir bereit sind zu geben. Eine Frau, die gerne Fesselspielchen spielt, wird irgendwann frustriert sein, wenn sie eine Ehe mit einem sexuell anders gestimmten Mann führt, der es gerne einfach und altmodisch hat. Vor kurzem habe ich einen Artikel über ebendiese Situation gelesen. Als die Frau ihren Partner mit ihren Bedürfnissen konfrontierte, hatte sie das Glück, dass er ihre Wünsche mit ihr teilt. Damit konnte eine Ehe mehr gerettet werden.

Egal, was man uns über Sex erzählen will, nur jeder/jede für sich kann herausfinden, was er/sie sich wünscht. Pornos können manche in ihrer Sexualität bereichern und inspirieren, während andere (vorrangig jüngere Menschen) ein verfälschtes Bild bekommen können. Wir müssen unsere Kinder vor dieser Überreizung schützen, damit sie eines Tages ihre eigene sexuelle Identität entwickeln können. Ich meine damit jedoch nicht, dass die „Big Lie“ (wissenschaftliche Bezeichnung der Asexualisierung von Kindheit durch Verbote und Tabuisierung) weitergeführt werden soll, sondern dass wir auch mit unseren Kindern über Sexualität kommunizieren müssen. Und nichts anderes machen Sexualpädagogen.

Gute Liebhaber…

„Schöne Männer sind nicht gut im Bett, weil sie es nie sein mussten.“, verkündet Samantha Jones lautstark in einer Folge Sex and the City. Ich wehre mich vehement gegen solche Aussagen. Sie erinnern mich an die Statistiken, die Naturwissenschaftler an Massenmedien verkaufen: „75% aller Frauen über 25 hatten noch nie einen vaginalen Orgasmus“. Welche Frauen? Wie viele haben sie denn befragt und woher kommt diese Stichprobe? Geht es nur um Sex oder auch Selbstbefriedigung? Ich wurde nicht gefragt. Meine Freundinnen auch nicht. Vielleicht aber ist die Hypothese von Samantha Jones, obwohl sie eine fiktive Person ist, aussagekräftiger als jene der Wissenschaftler? Immerhin hat sie eine eigene persönliche empirische Studie nachzuweisen. Und diese haben wir alle, wenn es um unsere eigenen Erfahrungen geht. „Barkeeper sind besser im Bett als DJs“ und „kleine Männer haben im Durchschnitt größere Penisse“ sind Aussagen, die jede/jeder nur für sich selbst treffen kann. Und die Hypothese bleibt auch so lange aufrecht, bis man sie selbst widerlegt hat. Das ist Wissenschaft!

Was ich damit sagen möchte? Nichts in unserer Welt kann man eindeutig pauschalisieren. Außer vielleicht erwiesene physikalische Gesetze. Aber die absolute Wahrheit gibt es nicht. Zumindest keine, die für alle gemeinsam gilt. Schon gar nicht, wenn es um Sexualität geht. Für die eine kann ein Mann der absolute Knüller im Bett sein, während er für eine andere eher langweilig war. Eine Frau riecht für einen bestimmten Mann verdammt gut, während ein anderer Mann den Geruch derselben Frau absolut nicht leiden kann. Manch eine Frau braucht einen großen Penis, um genug spüren zu können. Eine andere hat großen Spaß an einem Durchschnittspenis. Kommt ja auch immer darauf an, wie gut mein Beckenboden trainiert ist oder wo sich meine Erregungspunkte befinden. Was ist also dann ein guter Liebhaber?

Wir glauben, ein guter Liebhaber sei jener, der von sich aus weiß, was er zu tun hat. Ein Mann, der eine Frau einfach nimmt und ihre Wünsche von ihren Augen ablesen kann. Aber mal ganz ehrlich: Männer sind auch nur Menschen. Wenn die das wirklich könnten, würden wir uns selbst tatsächlich die Rolle des schwachen Geschlechts auferlegen! Aber das können wir nicht verlangen. Die Wahrscheinlichkeit, einen Mann zu treffen, der das wirklich kann, ist viel zu gering. Wenn 75% der Frauen über 25 keinen vaginalen Orgasmus beim Geschlechtsverkehr haben, dann ist es meistens unsere eigene Schuld. Wie soll uns denn bitte ein Mann unsere weibliche Anatomie erklären? Das könnten ein Gynäkologe und manch ein Gigolo eventuell, aber dennoch bin ich nicht an denselben Stellen erregbar, wie die Frau davor. Das weiß ich selbst immer noch am besten.

Und ab wann ist ein Mann schön? Einer, der mir gut gefällt, muss nicht zwangsweise für andere schön sein. Ja, es gibt bestimmte „Idealtypen“, aber dennoch werde ich immer jemanden finden, dem diese oder jene Person nicht gefällt. Wenn ich also davon ausgehe, dass alle schönen Männer nicht gut im Bett sind, müsste ich ja nur mit Männern schlafen, die ich nicht so attraktiv finde und das möchte ich eigentlich nicht. Denn er soll mich optisch ja auch in gewisser Weise ansprechen.

Es gibt keine guten und schlechten LiebhaberInnen im eigentlichen Sinn. Aber es gibt guten und schlechten Sex. Dieser ist jedoch situationsbedingt. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wollen wir in eine Person investieren oder nicht? Und damit meine ich jetzt nicht, gleich eine Beziehung aufzubauen. Es geht darum, sich auf jemanden einzulassen. Wie viele ONS waren schlecht, weil man schon zu müde war und sich nicht mehr wirklich um den Sex kümmern wollte? Vorher war man noch richtig geil und gut drauf, aber langsam wird man nüchtern (egal ob von Alkohol oder Hormonen) und dann ist es nur noch so lala. Sex ist ja nicht einfach nur daliegen und machen lassen, Sex ist Arbeit und Sport. Schöner Sport und angenehme Arbeit, wenn man investiert. Es geht um zwei Menschen, die gemeinsam ein Erlebnis teilen und nicht um zwei Menschen, die jeder für sich irgendwas tun.

Natürlich gibt es Männer, die nicht fähig dazu sind, auf eine Frau einzugehen. Aber den meisten Männern ist es wichtig, eine Frau befriedigen zu können. Und natürlich gibt es Frauen, die einfach nur daliegen, obwohl viele Männer sich freuen würden, wenn sie ihnen zeigen würden, was sie gerne möchten. Und genau hier wird investiert. Der Mann, der Rücksicht auf die Bedürfnisse einer Frau nimmt, und die Frau, die etwas gibt, das beiden gut tut. Wir achten viel zu wenig darauf, dass Sex immer etwas zwischen zwei Personen ist. Wir sollten uns bewusst darüber sein, dass wir für Geschlechtsverkehr immer eine zweite Person brauchen. Es geht um Menschen und nicht um Sexspielzeug! Und dann verstehen wir auch, dass wir andere nicht als schlechte LiebhaberInnen abstempeln können (ganz selten vielleicht, aber im Normalfall nicht), sondern, dass nur der Sex an sich nicht gut war. Und das Schöne daran ist, dass wir unsere Sexualität immer selbst in die Hand nehmen können.

Cyberlove

„Ist Liebe über das Internet real oder nur deswegen so schön, weil unsere Sehnsucht reinpfuscht?“ Das habe ich kürzlich auf Twitter gefragt. Die moderne Art, neue Leute kennenzulernen, hat auch eine neue Art von Romantik und Beziehungen geboren. Nie zuvor konnte man so viele interessante Menschen so einfach „treffen“. Ein Klick und eine Nachricht erreicht innerhalb von Sekunden das andere Ende der Welt. Und umsonst telefonieren oder SMS schreiben ist auch kein Thema mehr. Skype und Whatsapp sei Dank. Kilometer lange E-Mails, die trennende Kilometer überwinden. Wunderbar geschriebene Worte, oft sogar voller Aufrichtigkeit und Gefühl. Aber ist das auch real?

Vor kurzem habe ich einen Artikel gelesen, in dem eine junge Frau beschreibt, wie sie ihren Partner über das Internet kennenlernte. Nun werden sie bald zusammenziehen. In ein Häuschen am See. „Getroffen“ haben sie sich nicht auf einer klassischen Singleplattform. Diese sind, meiner Meinung nach, sowieso nur Bullshit, wenn man nach echter Liebe sucht. Was hat sich verändert? Man lernt schneller den Charakter eines Menschen kennen. Zumindest, wenn man eine bestimmte Zeit lang schreibt. Träume und Sehnsüchte werden geteilt und man „spricht“ meist viel offener und ehrlicher über seine Gefühle. Bleibt das gegenseitige Interesse über einen längeren Zeitraum auch bestehen, wird man sich höchstwahrscheinlich eines Tages treffen. Und hier beginnt das Problem: Kann man noch immer so sein, wie man vor seinem Computer war, wenn die Person, der man all diese Worte mitgeteilt hat, real wird?

Ich kenne Geschichten, die voller Gefühl und Romantik über das Internet funktioniert haben. Aber sobald man sich dann auch tatsächlich getroffen hat, zog der ein oder andere den Schwanz ein. Das passiert im Real Life natürlich auch. Nur wesentlich schneller. Hier ist der Verlust weniger groß, weil man manchmal gar nicht mehr die Chance hat, einen Menschen richtig kennenzulernen. Die Begegnung in echt erspart uns so vielleicht mehr Kummer und Trauer, als wenn man davor monatelang alles miteinander geteilt hat. Ein Mensch, den man liebgewonnen hat, ist dann von einem auf den anderen Tag einfach weg. Andererseits durften wir Romantik erleben. Schon Shakespeare oder Goethe wussten um die Schönheit geschriebener Worte. Funktioniert die umgekehrte Form des Kennenlernens nun besser oder schlechter?

Ein Mann hat mir auf meine Twitternachricht geantwortet, dass er seine jetzige Lebensgefährtin über das Internet kennengelernt hat. Das war vor zehn Jahren und dieses Jahr feiern sie den sechsten Geburtstag ihres gemeinsamen Kindes. Und eine Freundin erzählte mir von einem Typen, der zwar äußerlich kein absoluter Hingucker war, aber die Damen, die er über das Internet kennenlernte, so sehr mit seinem Charme und Witz für sich gewinnen konnte, dass sie sich dennoch immer wieder in ihn verliebten. Auch im Real Life. Zwar heißt es, dass die Chemie zwischen zwei Menschen passen muss, damit sie sich verlieben. Aber kann es nicht auch sein, dass man ebenso eine geistige Chemie zueinander haben sollte? Denn wenn nur die körperliche Chemie stimmt, ist das noch lange kein Garant für eine erfüllende Beziehung. Für gemeinsamen Nachwuchs vielleicht, aber wenn ich mit einem Mann nicht intellektuell auf einer Ebene bin, möchte ich nicht den Rest meines Lebens mit ihm verbringen.

Noch immer sind viele Leute skeptisch, wenn sie Menschen über das Internet kennenlernen. Das Argument ist meistens, dass sich im Web ja so viele Verrückte tummeln und man nie weiß, wen man tatsächlich vor sich hat. Aber so genau wissen wir das auch nicht immer bei Menschen, die uns direkt gegenüber sitzen. Wie oft hat man sich schon in Menschen getäuscht, die man gleich face to face getroffen hat? Und wer sich immer sofort mit jedem Deppen aus dem Internet trifft, ist wirklich selbst schuld. Ich treffe mich ja auch so nicht mit jedem dahergelaufenen Typen von der Straße. Und auch beim gemeinsamen Schreiben kann man mit Hilfe der Menschenkenntnis erkennen, ob man jemanden nun mag oder nicht. Vor allem, wenn es über einen längeren Zeitraum geht.

Das Körperliche fällt also zunächst einmal weg und das hat seine Vor- und Nachteile. Denn natürlich kann es passieren, dass man jemanden, den man beim Schreiben geliebt hat, in echt nicht riechen kann. Aber ich denke nicht, dass das sehr oft passiert. Vielleicht hängen der geistige Austausch und die körperliche Chemie enger miteinander zusammen, als wir denken? Vielleicht entwickelt sich die körperliche Chemie aufgrund des geistigen Austausches erst? Und glaubt man der Energielehre, so zieht man immer genau das an, was gerade zu einem passt. Egal, wie weit entfernt man voneinander ist.

Zum Schluss eine kurze Geschichte von zwei Freundinnen: Diese zwei Damen haben ungefähr zur selben Zeit interessante Männer kennengelernt. Die eine fand den ihren zufällig über das Internet, die andere traf ihn beim Ausgehen. Beide erlebten zunächst wunderbar romantische Geschichten und beide verliebten sich. Und dennoch hat keine von den beiden Liebesgeschichten ein Happy End. Denn sowohl der Internettyp, als auch der „echte“ Typ zogen den Schwanz ein, als es ernst wurde. Heute wissen die beiden Damen, dass es nicht an der Art und Weise ihres Kennenlernens gelegen hat, sondern dass beide Männer einfach nicht die richtigen für sie waren. Beide Männer haben Dinge gesagt und versprochen, die sie nicht halten konnten. Und es ist vollkommen egal, ob es der eine über lange E-Mails und der andere face to face gemacht hat. Es liegt immer am Charakter einer Person. Wer nicht weiß, was er will, wird immer für Verwirrung und Gefühlschaos sorgen und derjenige, der weiß, was er will, bekommt es auch. Und dabei scheint es irrelevant zu sein, ob man denjenigen über das Internet oder gleich im Real Life getroffen hat.

Die Arschlochtheorie

Warum stehen Frauen auf Arschlöcher? Diese Frage beschäftigt offensichtlich recht viele Männer, denn ich höre sie immer wieder. Und ganz ehrlich? Wir Frauen fragen uns das auch des Öfteren. Es ist ein seltsames Phänomen, denn im Grunde wollen wir einen von den Guten. Vor kurzem sprach ich mit einer Freundin darüber, dass Erfahrungen sich in unseren Genen einpflanzen. Sie sind zwar veränderbar, aber wenn ich etwas verinnerlicht habe und nicht dazu bereit bin, es zu verändern, gebe ich diese Informationen an meine Kinder weiter. Sie beendete dieses Gespräch mit dem Satz: „Und doch sind meine Eltern an allem schuld!“ Also habe ich mal darüber nachgedacht.

Über Jahrhunderte hinweg wurden Frauen immer als „niedrigere Wesen“ von Männern behandelt. Nicht in allen Kulturen. Es gibt durchaus Gemeinschaften, in denen die Frau gefeiert und geehrt wird. Aber im Grunde kann man sagen, dass auf dieser Welt Frauen viel mehr Verachtung und Erniedrigung entgegengebracht wird als Männern. In Kairo ist es noch immer nicht gerne gesehen, wenn eine Frau eine Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung anzeigt und in den meisten muslimischen Ländern werden junge Mädchen noch immer beschnitten, obwohl es gegen das Gesetz ist. In vielen ländlichen Gebieten sind Frauen Hausfrauen und Mütter, während die Männer „die harte Arbeit“ verrichten. Das alles sind Muster, die sich über viele Generationen hinweg eingeprägt haben. Damit wurden diese Merkmale auch von Generation zu Generation weitergegeben.

Ich brauche nicht mal Jahrhunderte zurückgehen. Jahrzehnte reichen auch und eine Analyse meiner Familiengeschichte, um zu sehen, welche Muster weitergegeben wurden. Immer wieder gab und gibt es Frauen, die sich gegen konventionelle Rollenmuster auflehnen, aber es ist eine schwere Arbeit. Dennoch haben Frauen in den letzten Jahren sehr große Fortschritte gemacht, während man bei manchen Männern das Gefühl hat, sie seien in „einem Vakuum stehen geblieben“. Der Satz stammt von einem Freund von mir und ich finde ihn ganz toll. Aber auch die Männer müssen sich alte Rollenmuster ansehen und bearbeiten. Noch immer gibt es genug, die sich gerne eine schwache, nicht sonderlich intelligente Frau suchen, die zu ihnen hinauf sieht. Männliches Ego und so. Ist ein Muster, das den Männern in ihren Genen weitergegeben wurde.

Jetzt haben wir aber ein Problem: Die moderne Frau arbeitet wie eine Besessene daran, sich selbst neu zu erfinden und einzugliedern. Die Entwicklung ist rasant. Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir nicht wählen oder studieren durften. Und in vielen Ländern ist es noch immer traurige Realität. Aber mit der Entwicklung der Frau und der etwas rückständigen Entwicklung vieler Männer, verlieren sich die Geschlechter zunehmend. Der emanzipierte Mann formt sich erst, da ist die emanzipierte Frau bereits auf der Überholspur. Damit entsteht jedoch ein Ungleichgewicht.  „Frauen werden zu Konkurrentinnen der Männer“, sagte neulich eine andere Freundin zu mir. Und dennoch blieb etwas in unseren Genen erhalten, an dem wir noch immer so akribisch arbeiten und es nicht verstehen.

Das Arschloch: „Ein Player bleibt ein Player, egal wie die Frau ist“ musste ich neulich auf meiner Twitterwall lesen. Was ist an ihnen so anziehend? Vielleicht verkörpern sie eine ursprüngliche Form des Mannes? Möglicherweise sind wir in dieser Entwicklung noch nicht so weit wie in anderen Bereichen? Der Mann, der eine Frau erniedrigt, ist fest in unseren Genen verankert und es würde viel Arbeit bedeuten, das wieder aufzulösen. Sexuelle Phantasien über Männer, die Frauen beherrschen sind weit verbreitet und immer noch suchen viele Vergewaltigungsopfer die Schuld oft bei sich selbst. Welch tiefe Prägung haben wir hier noch zu überwinden! Frau durfte nicht voll und ganz Frau sein und sie kann es noch immer nicht richtig. Die Rucksäcke unserer Vergangenheit sind schwer. Die neue Generation ist stark, aber sie hat es nicht leicht, wenn unsere männlichen Artgenossen nicht mithelfen.

Das Bewusstsein darüber ist der erste Schritt nach vorne. Wenn wir unsere Gene verändern können, dann sollten wir das auch schleunigst tun. Nicht nur, um Frauen in der Politik oder in Führungspositionen zu haben, sondern auch, um unsere eigenen Beziehungen und unsere eigene Sexualität zu genießen. Vielleicht ist das Arschloch eine Rechtfertigung für ein noch immer viel zu tabuisiertes Thema? Schmutziger Sex mit einem Arschloch lässt uns die Verantwortung an sie abwälzen. Er ist ja so ein Arschloch, er hat mich hintergangen und erniedrigt. Aber vielleicht wollten wir hintergangen und erniedrigt werden, weil wir das so fest in uns verankert haben? Möglicherweise zieht uns ein Arschloch so sehr an, dass unser gesamtes verwirrtes biologisches System nach Fortpflanzung schreit. War ja über Jahrhunderte auch so.

Wir brüllen so laut nach Gleichberechtigung. Aber Gleichberechtigung ist es nicht, Männer selbst zu erniedrigen und wegzuwerfen. Gleichberechtigung ist, zu verstehen, dass jeder Mensch Mensch ist. Egal welches Geschlecht er besitzt. Und jeder Mensch braucht unterschiedlich lange für seine Entwicklung und wie sagt man so schön: jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu entwickeln. Es gibt kein schwaches oder starkes Geschlecht, sondern nur schwache und starke Menschen. Und diese Generation hat sehr viele starke Menschen, sie entwickeln sich nur unterschiedlich schnell.

“Schachmatt”

Komm, lass uns ein Spiel spielen. Ich küsse dich und du küsst mich. Wir lachen gemeinsam über das Leben. Ich fahre mit dir an schöne Plätze und erzähle dir, dass ich ehrlich zu dir bin. So wie du zu mir. Du gibst mir zu verstehen, dass du mich toll findest. Ich gebe es zurück. Die Zeit bleibt stehen und der Tag gehört uns. Wir denken nicht ans Schlafengehen, denn die Nacht ist noch jung und alles wird von einer seltsamen Magie überzogen. Unsere Küsse machen süchtig, also gehen wir dieser Sucht nach. Wie ein Junkie, der das Heroin in seinen Venen spürt, der Stoff seinen Geist benebelt, ihm seinen Kummer und Schmerz nehmen. Mir ist schwindelig, du sagst, es gehe dir genauso. Wir sehen einander tief in die Augen und die Welt um uns herum verschwimmt. Du nimmst meine Hand, ich lasse sie wieder los. Ich liebe dich nicht und du liebst mich nicht, aber wir lieben uns in diesem Moment. In diesem Moment, aber keineswegs für immer. Ein Rausch von Gefühlen der Erregung und des Verlangens machen uns zu natürlichen Wesen. Ich will dich in mir spüren, mit allem, was du hast, aber wir geben der Versuchung nicht nach. Welch ein magischer Moment voller Chemie und Spannung. Bis zu dem Zeitpunkt, als du etwas ganz bestimmtes zu mir sagst: „Ich rufe dich morgen an!“

Die Worte hallen in meinem Kopf wider. Nimm sie bitte wieder zurück, denn damit hast du alles zerstört. Ich wollte glücklich in mein Bett gehen und nicht an morgen denken. Die Magie noch ein Stück weit tragen. Aber du kannst diese Worte nicht mehr zurücknehmen und ich frage mich: „Wieso hast du sie gesagt?“ Du hast den Moment der Magie in eine Schiene der Klischees und unausgesprochenen Lügen geworfen. Damit hast du meine Erinnerung an diesen Abend zerschlagen. Alles weg und das mit nur einem Satz. Ich habe dir gesagt, dass ich keine Spielchen spiele, du hast gesagt, dass du es auch nicht tust. Und dennoch hast du mir unfreiwillig eine Spieleinladung geschickt. Unfreiwillig von mir aus, denn ich spiele mit offenen Karten. Game over. Für dich, nicht für mich!

So einen Abend kann man nur einmal erleben und die Möglichkeit, es wieder genauso zu machen, ist ausradiert, sobald man die Pforten des leidigen, nie endenwollenden Spiels erreicht. Ich ziehe meinen Joker, denn ich weiß, dass ich das nicht will. Ich steige aus und behalte meinen Einsatz. Das ist es mir nicht wert. Ich ärgere mich, weil du nicht respektierst, dass ich nicht mit gezinkten Karten spiele, also lege ich sie vor dir auf den Tisch. Du bleibst auf dem Spielfeld, ohne zu sehen, dass ich längst nicht mehr da bin. Ich bin nicht so wie du und du bist nicht so wie ich. Du setzt auf alles, ich auf nichts und dazwischen gibt es nur ein oder. Das letzte Spiel vor diesem habe ich verloren und es hat mich ein Vermögen gekostet. Ich kann es mir nicht mehr leisten zu spielen. Du schon?

Lügen werden bestraft, also hüte deine Zunge vor Versprechen, welche du nicht vorhast zu halten. Versprich mir nur eine Sache: Dass du mir nichts versprichst! Wer die Regeln bricht, der hat schon gewonnen und so ziehe ich von dannen. Sag mir nicht, dass du es tust, wenn du es nicht tust. Ich weiß, wer will, der kann. Und wer nicht will, der hat schon. Ich will nicht mehr. Dein Ball ging ins „Out“, aber du hast die Ansage des Linienrichters überhört. That’s the game, honey! Du wolltest mit dem Feuer spielen aber pass auf, dass du dich nicht verbrennst. Meine Haut ist feuerfest.

Du spielst gut, aber leider mit der Falschen. Mein Morgen ist nicht dein Morgen, das ist offensichtlich. Aber ich habe es gewusst, denn du hast laut „Schach“ gerufen. Nur hast du mein geflüstertes „Matt“ überhört. Und dabei habe ich nicht einmal geschummelt. Du hast nur einen Punkt in der Spielanleitung nicht genau gelesen:  „Ich fahre mit dir an schöne Plätze und erzähle dir, dass ich ehrlich zu dir bin.“