Und wieder mal sitzt eines davon vor mir in der Straßenbahn. Eines dieser Pärchen, das offensichtlich obdachlos ist und gerne öffentlich zur Schau stellt, wie sehr es sich begehrt. Es ist wie ein Unfall: fürchterlich, aber ich kann nicht wegsehen. Die Zungen, spitz geformt, tänzeln aufeinander herum, Spuckefäden ziehen sich an den Lippen entlang und ab und zu kann ich ein leises Stöhnen hören. Als ich die beiden so beobachte, frage ich mich, ob ich ihn oder sie auch gerne küssen würde. Die Technik ist jedoch nicht so meine, also denke ich darüber nach, wie das Ganze aussehen müsste, damit ich gerne mitmachen wollen würde.
Küssen ist eigentlich eine wunderbare Angelegenheit. Es gibt Schmuseerlebnisse, an die man sich sehr gerne zurückerinnert. Stundenlang beschäftigt man sich miteinander, alles andere rundherum ist egal. Geht wohl dem Pärchen in der Straßenbahn auch so. Ich stehe jetzt nicht so auf die öffentliche Zurschaustellung meiner Zungenfertigkeiten, aber ich bin froh, dass das andere für mich übernehmen, damit ich darüber nachdenken und schreiben kann.
Leider gibt es auch Schmuseerlebnisse, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellen, wenn ich daran zurückdenke. Es gibt Menschen, und davon sogar einige, die Küssen mit einer Mandeloperation verwechseln. Die stecken ihre Zunge blitzschnell so tief in deinen Rachen, wie sie nur können. Ich nenne sie auch liebevoll die Frösche, weil sie mich an einen Frosch erinnern, der ab und zu seine Zunge ausfährt, um eine Fliege zu fangen. Und noch bevor meine Zunge zum Gegenschlag ausholen kann, ist der Fliegenfänger schon wieder weg. Da ich jedoch weder Arzt noch Frosch bin, beherrsche ich diese Technik leider nicht so gut. Und ein Prinz oder eine Prinzessin sind daraus auch noch nicht entstanden.
Der Hundekuss ist, meiner Meinung nach, einer der Schlimmsten. Dabei bin ich mir nie sicher, ob ich etwas im Gesicht habe und dieser Mensch einfach nur sehr gründlich am „putzen“ meiner Mundumgebung interessiert ist oder ob es hier wirklich um den Austausch von Liebkosungen geht. Hinzu kommt, dass mein ganzer Mund komplett verschlungen wird und ich weder die Möglichkeit habe, etwas zu sagen, noch selbst putzend in Aktion zu treten. Ganz abgesehen davon, ob ich das überhaupt möchte. Danach ist es notwendig, sich den Mund gründlich abzuputzen. Ich rate zudem auch dazu, sich die Mundregion mit Wasser abzuwaschen, da der eingetrocknete Speichel mit der Zeit etwas zu sehr riecht.
Die Waschmaschine oder, wie eine Freundin neulich so lieb sagte, der Tornado ist genau das, was der Name aussagt. Schneller, heftiger Schleudergang. Egal, ob es sich um Feinwäsche für 30 Grad oder Kochwäsche um die 90 Grad handelt. Alles wird kräftig durchgeschleudert. Der Inhalt meines Mundes ist dann nicht ganz so sicher, ob er in die Richtung des Schleuderers oder in die Gegenrichtung schleudern soll. Ganz schön verwirrend so etwas. Und da man meist damit beschäftig ist, zu eruieren, ob man jetzt mit oder dagegen geht, macht es auch nicht so viel Spaß.
Der Höhlenmensch lässt vermuten, dass er gar keine Zunge besitzt. Habe ich schon mal erlebt und scheint, dem Universum sei Dank, eher rar zu sein, aber existiert. Da kommt ein geöffneter Mund auf einen zu und man fährt mit seiner Zunge mitten ins Nichts, in eine Höhle. Der Mund wird zwar küssend bewegt, aber drinnen passiert nichts. Außer meine Zunge, die nach einem Widerstand oder einem Entgegenkommenden sucht. Vielleicht ist der Höhlenmensch das passende Pendant für den Frosch?
Die Schaufensterküsser sind wie das oben beschriebene Pärchen. Dabei treffen die Lippen kaum aufeinander. Die Zungen werden teleskopartig ausgefahren und dann spielt sich das Ganze draußen ab. Mir ist das ein bisschen zu kalt und öffentlich. Außerdem finde ich es als Außenstehender schon unappetitlich genug, da muss ich nicht auch noch mitmachen. Sind dann wohl zwei Frösche, die aufeinander treffen und sich nicht einigen können, wer die Fliege jetzt bekommt.
Die Kategorie Mauer ist noch seltsamer. Da kommt ein Mund auf einen zu, der komplett gefüllt mit einer Zunge ist. Die wird dann ganz dick gemacht und meine Zunge hat keine Chance, sich noch irgendwie zu bewegen. Und dann liegt sie da und füllt meinen ganzen Mund aus, diese Mauerzunge. Habe dann auch leider nicht das passende Werkzeug dazu, die Mauer zum Fall zu bringen. Da fühle ich mich dann doch etwas ausgeschlossen und gemobbt. Also- wenn meine Zunge so gar nicht mitmachen darf.
Die letzte Küsser-Kategorie ist die, zu der ich auch gehöre. Gefühlvolles Küssen, mit gleichberechtigten Zungen ohne übermäßig viel Speichelfluss. Dazwischen immer wieder sanftes Berühren der Lippen, vielleicht auch ein kleiner Biss?! Ab und zu ein Päuschen, um den anderen auch mal anzusehen. Denn ich hab beim Küssen gerne die Augen zu. Ich denke, beim Küssen ist es wie mit dem Sex: Man muss spüren, wie der andere reagiert und sich aufeinander einlassen. Auch wenn man schnell jemanden küssen kann, sollte es dennoch eine schöne Erinnerung sein. In diesem Sinne bedanke ich mich bei allen Männern und Frauen, an deren Küsse ich gerne zurückdenke. Aber auch ein Dank an jene, die für meinen Geschmack fürchterlich waren. Euretwegen weiß ich heute, welche Küsser ich gerne küsse und wo ich besser schnell wieder verschwinde.


